Nostalgie: Borussia fordert die Betze-Buben

Heute vor 62 Jahren: Die Roten Teufel aus Kaiserslautern behaupten durch ein 3:0 gegen die Borussia ihre Tabellenführung in der Bundesliga, doch anschließend wurde das Ellenfeld-Stadion zur Festung!

Unser Bild: FCK-Keeper Wolfgang Schnarr ließ als sicherer Rückhalt nichts anbrennen. In dieser Szene packt er vor Paul Pidancet (Nr. 8) und Elmar May entschlossen zu. (Foto: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)

Saar-Pfalz-Derby im Ellenfeld! Heute vor 62 Jahren trafen die beiden Südwest-Rivalen Borussia und der 1. FC Kaiserslautern erstmals in der Bundesliga aufeinander. Während die Roten Teufel an jenem 6. Spieltag nach einem erfolgreichen Saisonstart als Tabellenführer in die Hüttenstadt kamen, hofften die Borussen nach dem ersten Bundesligasieg gegen den Hamburger SV (3:1) auf weiteren Aufwind. Als die beiden Mannschaften, angeführt von Schiedsrichter Alfred Ott aus Rheinbrohl, kurz vor 16.00 Uhr den langen Gang von den Umkleidekabinen zum Marathontor durchschritten, konnte man die knisternde Spannung förmlich spüren. 25.000 Fußballfans, darunter etwa 5.000 Mitgereiste aus der Pfalz, füllten das noch im Umbau befindliche Ellenfeld-Stadion bis auf den allerletzten Platz, ganz Wagemutige hatten sogar die skelettartig in den Herbsthimmel ragenden Betonstützen der Spieser Kurve erklommen, um aus luftiger Höhe das Geschehen auf dem grünen Rasen zu verfolgen, während der Borussen-Leo ein lebendiges Glücksschwein mit ins Stadion gebracht hatte, das den Borussen die nötige Unterstützung gewähren sollte.

Doch auch das nutzte am Ende nichts. Der FCK war schon nach elf Minuten nach einem Patzer von Torwart Willi Ertz (Horst Buhtz: „Den Ball musste er halten!“) durch Jürgen Neumann in Führung gegangen. Die Borussen zeigten zwar Zähne und waren unerbittlich darauf aus, zum Ausgleich zu kommen. Doch das 2:0 durch Helmut Kapitulskis, der eine Flanke von Harald Braner per Kopf verwandelte (67.), zog ihnen die Zähne – die bis dahin offerierte Moral war wie weggeblasen. So konnte Winfried Richter in der Schlussphase (83.) sogar noch das dritte Tor nachlegen, mit dem die Lauterer ihre Spitzenposition wahrten.

„Borussias Spiel stand diesmal unter keinem guten Stern“, fasste Kicker-Reporter Gerhard Reuter zusammen, um anschließend in die detaillierte Analyse zu gehen: „Der sonst so zuverlässige Ertz überzeugte nicht. Die Außenläufer hatten es schwerer als in den vorausgegangenen Spielen, ihre Gegner in den Griff zu bekommen. Zudem war das Aufbauspiel nicht produktiv genug. Melcher, sonst König im Mittelfeld, stieß oft ins Leere, ihm lief es nicht so vom Fuß, wie seine Freunde das sonst gewohnt sind.“ Hinzu kam, dass in der Offensive Günter Heiden seltsam gehemmt wirkte, auch Paul Pidancet und Elmar May ließen die Klarheit in ihren Aktionen vermissen. Als Linksaußen hatte Trainer Horst Buhtz, der personellen Not gehorchend, erstmals den Amateur Hellwig aufgeboten. Er empfahl sich schon nach einer Minute mit einem fulminanten Pfostenschuss, sorgte immer wieder antrittsschnell und schussentschlossen für Dampf und Entlastung. „Später wurde der im Zuspiel noch ungeschliffene Amateur zu wenig angespielt. Dabei war er der wirkungsvollste Stürmer“, befand der „Kicker“, der zudem den bissigen Günter Schröder positiv hervorhob: „Er verdarb dem Gast ein halbes Dutzend guter Chancen!“

Borussias Offensive mit Elmar May (oben) strahlte nicht genug Torgefahr aus, um den Sieg des 1. FC Kaiserslautern zu verhindern. Da konnte auch das Glücksschwein des Borussen-Leo nicht helfen (unten). (Fotos: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)

Der 1. FC Kaiserslautern war an jenem Samstag für die Borussen sicher eine Nummer zu groß: Scheller mit und ohne Ball, schneller beim Umschalten, dazu die besseren Einzelspieler. Der Abwehrblock, mit einem sicheren Torhüter Schnarr im Rücken, operierte absolut zuverlässig. „Das Spiel funktionierte in allen Mannschaftsteilen, woraus sich eine bewundernswerte Harmonie ergab“, urteilte Gerhard Reuter in seiner Nachlese und stellte fest, dass „das Spiel aus der Deckung heraus aufgezogen und flüssig über beide Außenläufer fortgesetzt wurde.“ Der Reporter fand für die Leistung der Gäste kurz und knapp vier Worte: „Klar, nüchtern, modern, zielstrebig!“ Kaiserslauterns Tabellenführung komme nicht von ungefähr: „Die Pfälzer haben das Lehrgeld des ersten Bundesliga-Jahres gut angelegt und sich obendrein vorteilhaft verstärkt.“ So fiel es auch nicht nachteilig ins Gewicht, dass die Roten Teufel ab der 60. Minute quasi nur noch zehn intakte Spieler auf dem Platz hatten, da der angeschlagene Schneider in Zeiten nicht erlaubter Auswechslungen lediglich als Statist auf den rechten Flügel gestellt worden war.

Verständlich, dass Günter Brocker von seinem Team sehr angetan war: „Ich bin stolz auf meine Mannschaft“, sagte der Gäste-Coach nach den 90 Minuten und nannte den Schlüssel zum Erfolg: „Die einfache Spielweise, die da heißt: Abspielen und freilaufen! Das eröffnet Gassen und Erfolgschancen.“ Kapitän Jürgen Neumann meinte, die Borussia spiele „nun als Kampfmannschaft die Rolle, die wir zunächst im ersten Jahr spielen mussten. Unsere Erfahrung zahlt sich jetzt aus, es läuft immer besser.“ Borussias Obmann Kurt Gluding zollte dem Gast großen Respekt („Der 1. FCK war die bisher beste Mannschaft im Ellenfeld!“), zeigte sich aber auch über „unseren unerklärlichen Leistungsabfall nach 60 Minuten“ sichtlich enttäuscht. Trainer Horst Buhtz erkannte neidlos an: „Kaiserslautern spielte moderner, dynamischer, steiler, war uns in allen Belangen überlegen.“

Spieser Kurve noch im Bau, aber schon bevölkert (im Hintergrund), während Willi Ertz sich eines Lauterer Angriffs erwehren muss. (Foto: Ellenfeld-Verein e.V. / Archiv Borussia Neunkirchen Hartung)

Doch auch die Bäume der Pfälzer wuchsen nicht in den Himmel. Während die Roten Teufel anschließend beim Tabellenzweiten Borussia Dortmund mit 2:3 unterlagen und im weiteren Rundenverlauf Feder ließen, berappelten sich die Borussen und errangen nur eine Woche später mit dem 4:2 gegen den Meidericher SV (mit Weltmeister Helmut Rahn) den zweiten Heimsieg und kletterten in der Tabelle aus der Abstiegszone nach oben. Überhaupt erwies sich das Ellenfeld-Stadion anschließend als regelrechte Festung: Der 1. FC Kaiserslautern war an jenem 26. September die letzte Mannschaft, die in der Saison 1964/65 im Ellenfeld gewinnen konnte!

Für die Borussen lief heute vor 62 Jahren folgende Mannschaft auf: Wili Ertz, Erich Leist, Hennes Schreier, Günter Schröder, Erwin Glod, Achim Melcher, Paul Pidancet, Dieter Schock, Günter Heiden, Peter Hellwig. Die Roten Teufel spielten mit: Wolfgang Schnarr, Willi Kostrewa, Dieter Pulter, Gerd Schneider, Jürgen Neumann, Willi Wrenger, Harald Braner, Helmut Kapitulski, Wilfried Leydecker, Willi Reitgaßl.

Weitere Archivfotos vermitteln ein paar Eindrücke vom Südwest-Derby vor 62 Jahren im Ellenfeld.

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